Echt Spitze!

 

Wie eine junge Frau aus der Spitzenstadt Plauen den Erzgebirgsengel revolutioniert

In Reih und Glied stehen sie da, behutsam abgedeckt mit feinem Seidenpapier. Die Versuchung ist groß. „Dürfen wir mal lunzen?“, fragen wir voller Neugier gleich zu Beginn unseres Besuchs bei Andreas Hegewald, der in seiner kleinen Werkstatt auf dem Seiffener Reicheltberg etwas ganz Neues „versteckt“: die nagelneuen Spitzenengel nach dem Siegerentwurf beim Gestaltungswettbewerb auf der Designers‘ Open 2015.

Vorsichtig lüftet der Handwerker das Geheimnis. Unter dem hauchdünnen Papier leuchten edle Farben hervor – ein kräftiges Rot, ein stolzes Violett, ein elegantes Blau, alle mit einem besonders UV-beständigen Mattlack bemalt. Die violetten sind noch schlicht, doch die roten erstrahlen bereits in voller Pracht: Feinste Plauener Spitze zieht sich wie eine Schärpe über die purpurne Robe, in der Taille gekreuzt, die Flügel von einer Spitzenborte gesäumt. Noch filigraner wird es bei den Engeln im blauen Kleid. Zarte Stege ergeben ein florales Muster, das sich wie eine Eisblume von einem Blütenmittelpunkt über den Engelskörper und die Flügel ausbreitet. Eine Kombination, die sofort die Aufmerksamkeit des Betrachters fesselt – so hat man Holzkunst und Spitze noch nie gesehen.

Wie kam es zu dieser Idee? Designerin Tiffany Maul stammt aus Plauen, einer Stadt, in der die weltberühmte Plauener Spitze allgegenwärtig ist. Es gibt ein Spitzenfest, sogar eine Spitzenprinzessin wird hier gekürt. Da lag es nahe, dass sich die Designstudentin, die in Schneeberg Textilkunst studiert, beim Gestaltungswettbewerb der Designers‘ Open der textilen Tradition ihrer Heimatstadt zuwandte. Nach einem Praktikum bei der Plauener Modespitze und in der Plauener Schaustickerei hatte sie einen Einblick in die Welt der traditionellen Plauener Spitze bekommen. Als sie den Aufruf zum Wettbewerb bei den Designers‘ Open 2015 in Leipzig las, war für sie klar: Holzkunst und Spitze – das passt.

„Ziel des Wettbewerbes war es, mit der traditionellen erzgebirgischen Holzkunst eine neumodische Ästhetik zu kreieren. Ich finde es schön, dass gerade ein traditionelles Textil wie die Spitze diese Wirkung hervorruft. Man braucht nicht immer nur moderne Farben, Materialien oder Muster, um alles modern wirken zu lassen. Spitze ist ja im Allgemeinen wieder stark im Kommen. Der Engel erschien mir perfekt für dieses zarte Material, um die Anmut und graziöse Gestaltung zu betonen.“

Dennoch gab es bei der Umsetzung einige Stolpersteine, die man beim Designprozess so nicht voraussehen konnte. „Beim Entwurf am Computer hat man große Freiheit. Hier konnte ich frei festlegen, welche Farben und Dimensionen die Spitze haben soll. Bei der reellen Umsetzung bin ich jedoch daran gebunden, welche Farben sich im Sortiment befinden und in welcher Größe die gewünschte Spitze erhältlich ist. Außerdem ist Weiß nicht gleich Weiß – jedes Spitzenmotiv sieht etwas anders aus, und man muss darauf achten, was zueinander passt. Daher musste ich in der Umsetzung quasi noch einmal von vorn beginnen, wobei mir immerhin die Idee geblieben war…“

Gemeinsam mit den Gestalterinnen von der Dregeno traf man sich in Seiffen mehrmals zum Workshop, probierte verschiedene Varianten direkt am Engel aus. Auch die endgültigen Farbtöne der Engel legten die Dregeno-Designerinnen fest. „Wir wollten drei unterschiedliche Charaktere schaffen, die sich in der Auswahl der Farbe und des Spitzenmotivs widerspiegeln“, unterstreicht Juliane Kröner, Geschäftsführerin der Dregeno und selbst Diplom-Designerin. Mit ihrem Gespür für Gestaltung und ihrem reichen Erfahrungsschatz half sie schon so manchem jungen und auch etablierten Kunsthandwerker auf den Weg. Und so entstanden der Spitzenengel Elsa mit dem Eisblumendekor wie im Disney-Animationsfilm „Die Eiskönigin“, Katharina in reicher roter Robe wie eine russische Zarin und Viktoria in Violett wie die berühmte englische Königin. „Der Engel hat sich emanzipiert“, sagte Juliane Kröner. „Aus der Hausfrau mit Schürze ist eine modebewusste junge Frau geworden.“

Doch bis zum fertigen Engel war es noch ein langer Weg. Davon weiß Kunsthandwerker Andreas Hegewald so manche Geschichte zu erzählen. „Das Schwierigste war, den richtigen Kleber zu finden“, sagt der 64-jährige. Der Leim darf nicht unter den filigranen Spitzenstegen herausquetschen – so hauchzart sie auch sind. Und er muss trotzdem halten. Ohne zu verrutschen. Beim ersten Anlauf muss alles perfekt sitzen. Korrekturen sind technisch unmöglich. „Eine mörderische Friemelei!“, betont der Holzspielzeugmacher mit strengem Blick über die Brille. „Wir mussten einen Weg finden, wie wir aus dem Bastelrhythmus herauskommen.“ Die erste Serie ist auf 60 Stück pro Farbe limitiert, da muss die Arbeit flott von der Hand gehen.

„Ich bin froh, dass dieser Engel den Wettbewerb gewonnen hat“, sagt Andreas Hegewald. „So ist er zu uns gekommen – da bi ich net bös drüber!“ Für den Gestaltungswettbewerb hatte er seinen traditionsreichen Docken-Engel als Rohfigur zur Verfügung gestellt. Seit 1990 hat er die großen Engel im Programm, es gibt sie in verschiedensten Varianten, nun auch mit Spitze.

Er arbeitet gern in seiner Werkstatt, auch samstags und sonntags hält es ihn nicht auf dem Sofa. „Wenn hier die Arbeit liegt, ka ich net auf‘m Kanapee sitzen!“, sagt er wieder mit strengem Blick und betont: „Fertig ist’s erst, wenn’s in der Schachtel liegt. Handwerk ist Handwerk.“ Und so übernimmt er das Kleben und Drechseln („Man braucht ja auch ein paar Späne für den Ofen!“), seine Frau bemalt die Figuren („Ja, die Gutste hat es gerne schön warm bei der Arbeit“). „Wir werden wohl mal hier in der Werkstatt die Augen zumachen“, sinniert er. „Aber das ist auch gut so – unser Platz ist hier.“

Die Tochter wird die Familientradition weiterführen. Im Flur hängen Porträts vom Großvater, der in den 1920er Jahren begann, als Bauer im Nebenerwerb Miniaturautos aus Holz zu bauen. Der Vater übernahm die Firma 1958, Andreas Hegewald steht an der Drehbank, seit er denken kann. Tochter Dana hat in der Werkstatt des Vaters gelernt und betreibt heute gemeinsam mit ihrem Mann im Haus nebenan das Atelier Kirsche. An der Wand in Vaters Werkstatt hängt eine Urkunde, die sie als 1. Bundessiegerin des Wettbewerbs der Handwerkerjungend im Beruf Drechsler und Holzspielzeugmacher ehrt. Erst mit 22, nachdem sie eine Lehre als Vermesserin gemacht hatte, kam sie zurück zum Vater und wollte gemeinsam mit ihrem Mann, einem gelernten Bäcker, doch noch eine Ausbildung zur Holzspielzeugmacherin absolvieren. „Ich bin froh, dass sie gemerkt hat, wie schön es doch drhaam ist – freilich erst, nachdem sie sich die Hörner abgestoßen hatte“, schmunzelt Andreas Hegewald. Hörner hat er offensichtlich früher auch gehabt: Sein Meisterbrief hängt als einfacher Druck an der Wand, sein Name ist nicht in kunstvoller Handschrift aufgebracht, sondern ganz simpel mit Schreibmaschine. „Für mich gab es keinen Schmuckbrief“, erinnert er sich zurück. „Weil ich mit dem Regime nicht einverstanden war.“

Doch das Meisterstück, das er damals fertigte, ist noch heute die Grundlage für alles: Ein Engel in der klassischen Dockenform, wie er jetzt als Spitzen-Engel in der Dregeno-Exklusiv-Reihe auf den Markt kommt. Nach einem Entwurf von Tiffany Maul, die damit den Gestaltungswettbewerb der Designers‘ Open 2015 gewann. Die junge Frau ist stolz: „Der Spitzengel ist das erste Produkt, was meinen Stempel trägt und in einer solchen Dimension am Markt erscheint.“ Und Andreas Hegewald pflichtet ihr bei: „Man muss heutzutage schon mal was anderes machen. Nützt ja alles nüscht.“ Spitze!

(C) Fotos: Manuela Hamburg

Dieser Beitrag ist erschienen Magalog „Seiffener Art“ 2017/2018, herausgegeben von der Dregeno Seiffen eG.

 

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